Meine Tante ist tot

Das ist die Tante meiner Kindheit. So kenne ich sie. So bin ich mit ihr groß geworden. Und nun lebt sie nicht mehr. Mehr als 30 Jahre habe ich mit ihr zusammen gelebt. Erstmals bis ich 21 war, dann wieder ab 32. Da sogar in einem gemeinsamen Haushalt. Wir hatten, bis sie ins Altenheim kam, die Wohnung miteinander geteilt.

Sie wäre so gerne hier geblieben, aber es ging einfach nicht mehr. Sie wurde ein Pflegefall und ich war ja nun tagsüber arbeiten. Da sie schwerstbehindert war, hätte sie auch gar nicht alleine hier bleiben können. So kam sie halt in ein Altenheim.

Das hat ihr gar nicht so schlecht gefallen, sie hatte täglich Besuch von uns, wirklich jeden Tag, und so ging es ihr dort recht gut.

Die letzten Jahre lebte sie dann in Gartow im Altenheim, bei ihrem Bruder, meinem Vater. Die Beiden haben eine sehr enge Bindung und auch dort hat er sie jeden Tag mindestens einmal besucht. Tja und dann ging es ans Sterben. Sie wurde immer weniger, da sie ja schwerstbehinder war, konnte sie sich kaum noch bewegen und es war ein Elend. Anfang des Jahres habe ich sie dort besucht und sie sagte mir, sie möchte gerne sterben, ein solches Leben sei kein Leben mehr, davon wolle sie erlöst werden.

Das wurde sie gestern. Ihre Füße waren schon abgestorben und schwarz, das war also wirklich eine Erlösung. Und doch fällt es mir sehr schwer. Sie war meine einzige Tante, sie war immer da, sie war eine verdammt arme Socke und hatte doch immer Geld für mich, als Jugendliche, sie steckte es mir immer zu. Sie hat meiner Schwester und mir immer beigestanden, immer, sie hätte ihr letztes Hemd mit uns geteilt. Sie hat uns furchtbar geliebt. Wir waren ihr sehr wichtig.

Tante Ingelore. Ich weiß noch, wie sie mir ihre Narben zeigte, an ihren Beinen, von den grausamen Operationen, die sie als Kind über sich ergehen lassen musste, ich durfte sie berühren, mir sie genau anschauen, sie hat mir alles dazu erzählt und ich bin sicher, das hat mich wachsen lassen.

Ich war 4 oder 5, da standen wir an ihrem Fenster, dem heutigen Ess- und Gästezimmer, der Vollmond schien und ich sagte ihr, eines Tages fliege ich zum Mond. Sie schaute mich an und meinte „Wirklich?“ Ja, wirklich! „Das würde ich mich nicht trauen“, meinte sie „aber Du wirst es schaffen!“

Meiner Schwester hat sie auch so oft Mut gemacht. Sie hat uns Kindern immer Mut gemacht. Woher sie diesen Mut nahm, ist mir heute schleierhaft, sie muss eine sehr große Persönlichkeit gewesen sein.

Als Kind durfte ich oft in ihrem Bett schlafen, in dem Zimmer, wo der Mond hereinschien, was heute mein Esszimmer ist. Wir haben uns dann immer unterhalten. Sie und ich. Und ich habe ihr immer erzählt, was ich mal werden will. Nie, nicht ein einziges Mal hat sie gesagt, das geht doch nicht. Sie hat mir immer Recht gegeben. Hat mich immer unterstützt. Ob es der Flug auf den Mond war oder der Wunsch, ein berühmter Gehirnchirurg zu werden (mit 12), völlig egal, sie hat immer gesagt, du schaffst das.

Nun bin ich weder auf den Mond geflogen noch zerschneide ich die Gehirne anderer Menschen, aber das Gefühl, dass ich machen kann, was ich will, das ist geblieben.

Meine Tante ist tot.

Sie hat mir so viel bedeutet und so viel gegeben. Und wenn sie noch so tot ist, sie wird in mir weiterleben!

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