Retraumatisierung

So sieht es aus, wenn man es nicht verwinden konnte, ein Tier zu verlieren, weil man genau dies ohne Erklärung und ohne Hilfe in der Kindheit durchmachen musste.

Ich spreche in Rätseln, und darum jetzt eine Erklärung. Drei Jahre war ich alt und liebte meinen kleinen Pucki über alles. Ich spielte mit ihm und fuhr ihn im Puppenwagen durch die Gegend, er hat alles mit sich machen lassen. Und dann kam ich nach Hause und lief, wie jeden Tag, zu seiner Decke neben dem Ofen…

…und es war keine Decke mehr da und auch kein Pucki. Ich kann mich noch an die Angst erinnern, die eine Ahnung in mir aufsteigen ließ. Meine Fragen an meine Mutter wurden nicht beantwortet. Pucki war für mich auf unerklärliche Weise verschwunden und jeder meiner Fragen wurde mit wachsender Agression begegnet. Hinzu kam dann noch, dass ich beschuldigt wurde, nicht genug für den Hund gesorgt zu haben, mit drei Jahren!!

Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt, um nicht zu sagen, es hat mich traumatisiert. Meine kleine Hundeseele war weg und ich durfte nicht fragen und niemand redete mit mir darüber. Still sollte ich sein und selber schuld war ich auch noch, hätte ich mich doch mehr um ihn gekümmert!

Vor über zwei Jahren holte ich dann dein kleinen Struppi aus Spanien zu uns, der noch am Tage seiner Rettung getötet werden sollte. Wir waren sofort ein Herz und eine Seele, doch das kleine Strüppchen durfte nur drei Monate bei uns bleiben, dann starb er an einer heimtückischen Krankheit, einer Krankheit, die ich als kleines Kind auch nur knapp überlebte: Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt.

Meine Verzweifelung war unsagbar groß und ich verlor fast unmittelbar die Farbe an Händen und Füßen. Struppi fehlte mir so, und ich spürte, da ist etwas, was weit zurück liegt und sehr dunkel ist und was mich an all das erinnert. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und entschloss mich zu einer Gestalttherapie. Tja und diese hat all die grausigen Erlebnisse zutage geführt, die meine Mutter meiner Kinderseele angetan hat.

Meine Schwester erzählte mir, dass in einigen Teilen des Orients geglaubt wird, dass die Hunde sich für ihre Menschen opfern, so sehe ich das heute auch. Struppi hat mir meinen Weg gezeigt, er ist für mich genau diesen Tod gestorben an genau dieser Krankheit. An seinem ersten Todestag war ich in Herne, in der Fortbildungsakademie. Ich habe das Datum nicht erinnert, doch als wir abends spazieren gingen, erschien ein riesengroßer bunter leuchtender Regenbogen und ich musste sofort an die Regenbogenbrücke denken, an der Struppi auf uns wartet. Aufgeregt fragte ich meine Kollegen nach dem Datum und da wusste ich es, Struppi schickt mir eine Botschaft und es geht ihm gut.

Meine Farbe kommt nie wieder, genauso wenig wie Pucki und Struppi. Ich werde durch die Flecken immer wieder an meinen Weg erinnert. An das verletzte kleine Mädchen, an ihren Kummer und ihren Schmerz. In dem Buch von Rüdiger Dahlke, Krankheit als Symbol, sagt er, dass dies wie eine Auszeichnung sei, man sei „gezeichnet“ und ja, so sehe ich es, ich habe es geschafft. Ich bin meinen Weg gegangen und ich habe so vieles erkannt und mich so vielem gestellt. Ich bin gewachsen.

So wie die Schere und der Wasserkrug des sorgsamen Gärtners den Baum in die Höhe treiben, so lassen die Schmerzen und Tränen des vergangenen Jahres des Menschen Seele reifen.
– aus dem Chinesischen –

Ein Gedanke zu „Retraumatisierung“

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